Erinnerungen an die Pädagogin und Gründerin der Albert-Schweitzer-Schule

„Nun stell dir doch vor, du siehst zum allerersten Mal die bunten Vögel, die Bäume, die Büsche, die Blumen – Eva! Du hast sie nie zuvor gesehen! Du staunst, du bewunderst, weißt gar nicht, wohin zuerst blicken! – Noch ‚mal das Ganze!“ – Eva, das war ich 1959 im Paradeisspiel. Ich musste das Staunen wieder neu lernen! Die Szene wurde so oft wiederholt, bis die gewünschte Intensität erreicht war. Ich wusste, wenn wir die nächste Szene anfingen, dann erst war Frau Stahl zufrieden. Nicht äußere Perfektion im Spielablauf – die war unausgesprochene Grundvoraussetzung! -, sondern innere Stimmigkeit der Darstellung war ihr Ziel. Dass Spieler und Regisseurin ermüdeten, zählte nicht, einzig die stufenweise Annäherung der Spieler an ihren Regieplan trieb die Probe voran. Frau Stahl fütterte die Phantasie der Spieler mit immer neuen Beispielen und erzählte viel zu den einzelnen Rollen – oder spielte auch einmal vor, wenn das gewünschte Ergebnis ganz ausblieb. Für mich Sternstunden!

Andere Sternstunden waren die Religionsstunden im siebten Schuljahr. Ein Jahr lang erzählte Frau Stahl uns das Parzival-Epos. Der Wald, in dem Parzival aufwuchs, war uns so vertraut wie unser Schulweg. Er war „unendlich“ groß und „unendlich“ geheimnisvoll. Und immer betrat Fräulein Stahl die Klasse mit dem zweiten Teil eines Satzes auf den Lippen, den sie vorgab, beenden zu wollen. Natürlich hätte sie nie ihre Erzählung durch ein Läutezeichen willkürlich und abrupt unterbrechen lassen, und ich wunderte mich damals stets, wie sie genau an der Stelle fort fuhr, an der sie aufgehört hatte.

Der raffinierte Einstieg war mehr als ein methodischer Kniff: Sofort hatte sie uns in ihrem Bann, und wir entdeckten mit Parzival, dass der Mensch einen Auftrag in seinem leben zu erfüllen hat, dass er auch versagen darf und eine neue Chance erhält!

Später war Frau Stahl auf der Oberstufe meine Klassenlehrerin. Deutsch und Geschichte wurden durch sie lebendig. Wir lernten weniger Daten als die innere Entwicklung zu historischen Ereignissen. Im Rollenspiel aus dem Stegreif begriffen wir die Ziele der Französischen Revolution. Wie eine Fanfare klang ihr: „An die Laterne!“, wenn sich wieder einmal ein „Adliger“ decouvriert hatte! Die klassischen Dramen wurden auszugsweise gespielt; aber hier nun bekamen wir die beseelte Regisseurin zu spüren, der es darum ging, die Rolle nach allen Seiten auszuloten und spielen zu lassen. Spätestens da begriffen wir, dass Spiel harte Arbeit ist.

Deutsch beinhaltete aber auch Kunstgeschichte. Eindrucksvoll waren die Besuche in der Kunsthalle, wo jedes Mal nur ein einziges Bild besprochen wurde. Mit Frau Stahl gemeinsam schufen wir das Bild neu, analysierten und setzten Inhalt, Form und Farbe wieder zu einem Ganzen zusammen. Diese Bildbegegnungen stellten sich als Vorübungen für unsere Abschlussreise nach Holland heraus. Rembrandt, Vermeer, van Gogh konnten so vorbereitet unauslöschliche Eindrücke hinterlassen.
Wir erfuhren aber auch, dass Kultur sich nicht allein in der Kunst und Literatur ausdrückt. Der heiße Kakao, den wir in einem gemütlichen holländischen Lokal in feinen Delfter Tassen, umgeben von der wohligen Wärme eines riesigen Kachelofens, zu uns nahmen, vermittelte uns ebenso viel von der holländischen Lebensart.

In die Zeit dieser Klassenreise fiel der Besuch Albert Schweitzers in Hamburg. Frau Stahl, Frau Ahlgrimm und der damalige Schulsprecher und Klassenkamerad Peter Petersen flogen für drei Tage aus Holland zurück, um den Ehrengast und Namenspatron der Schule gebührend zu empfangen. Hatte ich es bis dahin für selbstverständlich gehalten, eine solche Schulleiterin zu haben, so begriff ich vieles von ihrem geistigen Format erst jetzt. Sie führte die Schule mit ungewöhnlicher Übersicht und Weitsicht. Sie wusste, wie wichtig und notwendig Vorbilder für junge Menschen sind. Daher entschied sie sich für Albert Schweitzer als Schutzpatron ihrer Schule. Ihr hat offenbar sehr viel daran gelegen, den Besuch dieses großen Mannes für alle Anwesenden (Schüler und Lehrer) zum unvergesslichen Erlebnis werden zu lassen. Ein Klassenkamerad aus meiner Parallelklasse schrieb damals über das „größte Erlebnis seiner Schulzeit“, dass „Frau Stahl das in Worten ausdrückte, was alle fühlten, dass die Zaghaftigkeit, die alle befiel in Gegenwart dieses großen Mannes sich wandelte in Mut und Freude, durch das Vertrauen, das von ihm ausging“.[1]

Wir Schüler wussten kaum, welche Gründe Erna Stahl für ihre pädagogischen Ziele hatte. Wir ahnten nicht, dass ihr schulisches Konzept eine für sie notwendige Folge aus eigenen schmerzlichen Lebenserfahrungen während des Dritten Reiches war. Zu einer Zeit, in der die Schulen noch kein spezifisches Programm zu erstellen hatten (wie es heute der Fall ist), legte Erna Stahl bereits eins vor. Nicht aus Eitelkeit, weil sie sich vom Allgemeinen absetzen wollte, sondern weil sie der Zielsetzung von behördlicher Seite einiges entgegenzusetzen und hinzuzufügen hatte. Wie kam es dazu?

Erna Stahl war immer so alt wie das Jahrhundert. Das bedeutet aus schulgeschichtlicher Sicht, dass sie die Drillpädagogik und den „geistlosen Mechanismus“ durchaus „genossen“ hat. Zuerst erlebte sie ihn als Schülerin in der Schule für Höhere Töchter von Fräulein Anna Kraut in der Annenstrasse in Hamburg, wo sie sich durchaus nicht wie eine „höhere“ Tochter benahm. Schon allein die Bezeichnung „höhere Töchter“ irritierte sie: Wer waren die „niederen Töchter“? Erna Stahl machte wiederholt mit dem damals üblichen Strafregister ihrer Schule Bekanntschaft. Es gab Plauderfünfen, Ordnungsfünfen, Haltungsstriche und Betragenstadel. Die Eltern wurden durch ein „Verkehrsbuch“ auf dem Laufenden gehalten. Drill, bloße Anpassung, gar Unterwerfung lagen Erna Stahl nicht. Dennoch empfand sie die Schule mit ihrer gütigen Direktorin so normal wie das gesamte Leben während des Kaiserreiches, in das sie hineingeboren wurde.
Nur dem Lauscher- und Spitzeltum hatte sie frühzeitig den Kampf angesagt, auch wenn es sich um ausspionierende Lehrer handelte. Die Anlässe waren läppisch, nicht erwähnenswert, aber zu dem Prinzip der Gegenwehr bei Lauschattacken, Horchpostenstehen und Enthüllung hat Erna Stahl immer gestanden. Zahlreiche Zitierungen ins Leiterzimmer hat sie als Schülerin eher lächerlich gefunden. Ihre Rettung war in solchen Fällen immer das Goethebild von Stieler, das genau zu ihr hinsah. Das hielt sie in „Form“, nur durch den starren Blick darauf konnte sie sich das Lachen verbeißen. Goethe als Mahner zur Selbstdisziplin – eine interessante Facette.[2]

Im Vorhergesagten wies ich bereits auf Erna Stahls Leidenschaft für das Theater hin. Zeigte sie nicht schon als Kind in szenischen Darstellungen mit den Nachbarskindern als heldenhafter Ritter, als Regisseurin, als Texterin, als Herstellerin von Kostümen und Eintrittskarten ihr „theatralisches Engagement“? Die elterliche Wohnung mit Flügeltür zwischen Wohn- und Schlafzimmer begünstigte die kindlichen Theateraufführungen. Besonders der Stoff von „Ali Baba und die vierzig Räuber“ zog Erna Stahl als Kind an. Sie schrieb ein Stück dazu, verteilte die Rollen, um dann selbst ungehemmt zu improvisieren – zum Schrecken ihrer Mitspieler, die am Text klebten. Dieser souveräne Umgang mit der Materie in vielen Bereichen sollte ihr Markenzeichen werden.

Erna Stahl las viel: Indianergeschichten, Victor Hugos „Die Elenden“, „Der kleine Lord“, „David Copperfield“, „Die drei Musketiere“, neben Rittergeschichten und historischen Erzählungen. Diese Lektüre haben ihr eine lebendigere Beziehung zu allem geschichtlichen Leben vermittelt, als je ein Lehrbuch es vermocht hätte.
Früh zeigte sich also schon das Interesse für Geschichte, das zusätzlich durch die familiären Bindungen zu Wien gepflegt und vertieft wurde. Über jedes gelesenen Buch schrieb Erna Stahl eine prägnante Rezension bereits im Alter von elf, zwölf Jahren. Manch Klassiker, den sie später sehr schätzte, kam schlecht weg. Ausgerechnet „Werther’s Leiden“ erhielt das Prädikat „Blödsinn“, der „Taugenichts“ war schlichtweg „Quatsch“. Natürlich hatte sie diese Werke viel zu früh gelesen, aber dass sie sie überhaupt in diesem Alter gelesen hat, ist schon erstaunlich.[3]

Neben der intensiven Beschäftigung mit Literatur wurde Erna Stahl auch durch die Musik geprägt. Die weiche Caféhausmusik, die von unten herauf in die elterliche Wohnung in der Annenstraße drang, grub sich ihr fest ins Gedächtnis ein. Sie spielte gern Klavier und übte fleißig. Später verdiente sie sich während ihres Studiums Geld damit. Damals, Anfang der zwanziger Jahre, begann sie auch, die Tagesereignisse in Form von Zeichnungen festzuhalten. Zumindest auf Reisen behielt sie diese Art der Dokumentation bis ins hohe Alter bei.

Das Jahr 1913 war für Erna Stahl in mancherlei Hinsicht bedeutungsvoll gewesen. Der Wandervogel warb um ihre Mitgliedschaft. Man hielt sie für unkonventionell genug, um dort eine geistig-seelische Heimat zu finden. Man übersah dabei, dass sie nicht aus Prinzip unkonventionell war, sondern von Natur aus.[4] Sie hatte eine ausgesprochene Aversion gegen die Uniformierung der Freiheit und stand instinktiv allen Club- und Vereinsbildungen verständnislos gegenüber. Dieser Instinkt meldete sich auch zwanzig Jahre später, als es um Ablehnung von viel bedenklicheren Mitgliedschaften ging.
Noch etwas war 1913 passiert: Das Kind Erna Stahl hörte auf, sich sozial und politisch wohl zu fühlen. Ein erwachendes Bewusstsein trat allmählich an die Stelle kindlichen, sorglosen Vertrauens in die Welt der Erwachsenen. Dennoch fand sie Gefallen an der Hundertjahrfeier der Befreiungskriege sowie dem fünfundzwanzigjährigen Thronjubiläum des Kaisers. Die glanzvollen Umzüge taten das ihrige hinzu. Der Zeitgeist färbte auch Erna Stahls Kinderseele patriotisch. Wie hätte das junge Mädchen auch die Zeichen der Zeit anders deuten können als die Erwachsenen?

Die historischen Ereignisse wie das Sinken der Titanic und das Erdbeben von San Francisco konnte sie erst im Nachhinein als das „Anmaßliche des Menschenwerkes“ aufdämmern sehen. Sie als Warnung vor dem Ersten Weltkrieg, als Regie des Welttheaters zu verstehen, war erst viele Jahre später möglich, als ein Zweiter Weltkrieg diese „Anmaßung des Menschenwerkes“ alles bisher Dagewesene bei weitem in den Schatten stellte. –

Das Unkonventionelle in Erna Stahls Wesen machte sich auch in ihrem Ausbildungsweg bemerkbar. 1916 verließ sie vorzeitig ihre Schule, machte eher zufällig die Aufnahmeprüfung im Lehrerinnenseminar und belegte nebenbei Gastvorlesungen an der Universität. Das Lehrerinnenseminar war damals durchaus für viele „höhere Töchter“ eine Alternative zur Vorbereitung auf das Dasein als Hausfrau und Mutter. Auch die Frau von Albert Schweitzer, Helene Bresslau, beschritt zunächst diesen Weg. Das Abitur holte Erna Stahl an der Helene-Lange-Schule in Abendkursen nach, unterrichtete dann in Kursen für Arbeiter an der Privatschule Jessel in Winterhude und konnte 1928 in die Lichtwarkschule am Stadtpark als Kandidatin eintreten.
Die Lichtwarkschule passte in ihrem Konzept sehr gut zu Erna Stahl. Sie war nach dem Ersten Weltkrieg 1921 gegründet worden mit dem Ziel, einen neuen Typ der Höheren Schulen zu erarbeiten. Im Mittelpunkt sollte die Vermittlung deutscher Kultur stehen. Das Fach „Kulturkunde“ (bestehend aus Deutsch, Geschichte, Religion, Geographie) wurde geschaffen. Der Gemeinschaftsgedanke spielte dabei eine große Rolle, ebenso wie die Auffassung, dass diese Schule für Begabte aus allen Schichten zugänglich sein müsse. Ziel war es unter anderem, aufgeschlossene und kritische Menschen zu erziehen, die gegen Verführungen jeder Art gefeit waren. Die Lichtwarkschule bestand nur sechzehn Jahre, dann hatten die Machthaber des Nazi-Regimes „das rote Mistbeet am Stadtpark“ ausgehoben.

Schüler und Lehrer wurden auf andere Schulen umverteilt. Erna Stahl wurde 1935 strafversetzt an die Mädchenoberschule im Alstertal, wo ein anderer pädagogischer Wind wehte. Was aber hatte zu dieser Strafversetzung geführt? In der ersten Lehrertagung in der Britischen Zone im Mai 1948 berichtete Erna Stahl selbst folgendes: Der Widerstand hatte nicht mit dem Verteilen und Kleben von Zetteln begonnen, sondern mit all dem täglichen Kleinkram, mit dem bewussten Verschweigen (von nationalsozialistischen Parolen oder Meldungen). Sie selbst hatte zum Beispiel nie – wie vorgeschrieben – ihre Klasse mit „Heil Hitler“ begrüßt, sondern immer mit „Guten Morgen, Herrschaften“. Sie zählte sich selbst aber zu denjenigen Widerstandskämpfern, die eine passive Resistenz leisteten, die durchaus bei einzelnen zu bewussten Aktionen an individueller Stelle führen konnten. „Man hatte Kraft zu entwickeln, der Lüge und der Verlockung zu widerstehen… Klare Urteilsfähigkeit war die Kraftquelle, die Widerstand entwickeln konnte… Ein Mensch, der ein starkes Gerechtigkeitsempfinden hatte, konnte der Verlockung widerstehen.“

Erna Stahl hat den Mut gehabt, den Schülern Inhalte, die damals auf dem Index standen, zu vermitteln. Auf privaten Leseabenden machte sie die Schüler mit verbotenen Dichtern wie Werfel, Hoffmannsthal, Georg Kaiser oder Thomas Mann bekannt. 1933 erschien ein „Führer durch die Ausstellung Entartete Kunst“, in der Maler wie Paul Klee, Emil Nolde, Otto Dix, Ludwig Kirchner, Oskar Schlemmer, Erich Heckel ins Abseits befördert wurden. Die Ausstellung sollte den „Kunstbolschewismus“ beenden. Erna Stahl antwortete darauf, indem sie den Schülern auch die Bilder der Expressionisten, des „Blauen Reiters“ und der „Brücke“ nahe brachte. Als sie Ostern 1935 gar eine Klassenreise nach Berlin in den Ferien organisierte, um den Schülern die Originale in den dortigen Museen zeigen zu können, war das Maß voll: Erna Stahl musste die Lichtwarkschule verlassen.

Die Versetzung an die Oberschule für Mädchen im Alstertal hat sich für sie in vielfacher Hinsicht dennoch als gut erwiesen. Nicht nur, dass sie dort in Hilde Ahlgrimm eine lebenslange treue Freundin gewann, ihr wurde nach dem Kriege, im Oktober 1945, die Leitung der Schule übertragen.

Aber vorher hatte Erna Stahl noch den finstersten Teil ihres Lebens zu bestehen. Die Leseabende hatte sie auch nach ihrer Strafversetzung beibehalten. 1936 verfasste sie gar eine Schrift mit dem Titel „Durchbruch der Kunst“, in der sie Werke von Malern wie Picasso, Hodler, Marc, Nolde, Munch und Paula Modersohn-Becker besprach. Ihre ehemaligen Schüler aus der Lichtwarkschule machten Abitur, und einige von ihnen arbeiteten im so genannten Hamburger Kreis der Weissen Rose mit; eine Schülerin, Traute Lafrenz, war eng befreundet mit Hans und Sophie Scholl in München. Als die Verhaftungswellen rollten, blieben weder sie noch Erna Stahl verschont. 1943 wurde Erna Stahl zum ersten Mal verhaftet, 1944 zum zweiten Mal. In den Gefängnissen von Hamburg Fuhlsbüttel, Cottbus und Bayreuth war sie der menschenverachtenden Behandlung durch ihre Peiniger ausgesetzt. Einzelhaft, Dunkelhaft, Gemeinschaftszelle auf engstem Raum – alles hat sie irgendwie überstanden. Sie wurde zum Tode verurteilt, verlor vorübergehend die Sprache, setzte eine zwanzigseitige Anklageschrift gegen den Staat auf und wurde in letzter Minute am 14. April in Bayreuth von den Amerikanern befreit.

Viel Zeit für Erholung blieb ihr nicht: Schon im Oktober 1945 übernahm sie die Schulleitung der Oberschule für Mädchen im Alstertal, die offiziell erst an 1. 4. 1946 in den Schulakten Erwähnung fand. Mit im Kollegium waren auch andere Lehrer aus der Lichtwarkschule. Besonderen Halt gab ihr Frau Dr. Hilde Meyer-Froebe, mit der sie 1924/25 sogar in Wien studiert hatte. Jetzt machte diese Kollegin sie mit dem Gedankengut der Waldorf-Pädagogik vertraut.

Die Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, dem totalen Zusammenbruch, stellte mannigfaltige Anforderungen an die Schulleitung. Die Kälte, das mangelnde Heizmaterial, die unterernährten Schüler und Kollegen, die überalterten Lehrer (Durchschnittsalter 47,4 Jahre), der fehlende Wohn- und Schulraum, die völlig unzulängliche Kleidung erwiesen sich als Langzeitprobleme. Diesen musste begegnet werden, aber noch wichtiger schien es Frau Stahl, den geistigen Hunger der ihr anvertrauten Schülerinnen zu stillen. Dabei galt es auch, die Resignation und das fehlende Vertrauen in eine Zukunft zu überwinden. Sie bat die Behörde 1946 in einem Brief um „arbeitsfrohe Kollegen, die Lust und Liebe zu einem neuen Aufbau“ hatten.
Bei diesen schier unüberwindbaren Schwierigkeiten war es äußerst wichtig, dass Erna Stahl in Hilde Ahlgrimm eine optimale Stellvertreterin hatte. Hilde Ahlgrimm besaß das Vertrauen der Kollegen und konnte ihnen so pädagogische Vorschläge und Veränderungen erfolgreich vermitteln. Erna Stahl betonte jedoch, dass die verwaltungstechnische Seite das Schulleiteramt nicht gerade reizvoll für sie beide gemacht hätte.[5]

Auf der ersten Konferenz fragte Erna Stahl, ob eine Staatsschule richtungslos ihren Weg gehen dürfe. Ihre Vorstellung von einem alle Kollegen verpflichtenden gemeinsamen pädagogischen Ziel formulierte sie eindringlich. Die jüngste Vergangenheit hatte gezeigt, wohin es führt, wenn man nur den Wissensstoff vermittelt. Erna Stahls Postulat lautete infolgedessen, Werte in den Seelen der Schülerinnen zu verankern, die helfen können, solchen Katastrophen zu ertragen und zu überdauern, zu überbrücken, wenn die Erwachsenen schon nicht im Stande sind, sie zu verhindern.

Das Kind muss zu seinem ureigensten Wesen geführt werden. Damit wird jene innere Freiheit erweckt, die unerlässlich ist, um Gegengewichte zu Mechanisierung und Materialismus zu schaffen. Die Anbindung an eine höhere Welt ist die vornehmste Aufgabe von Schule und Lehrern. Der Goethebegriff von der Ehrfurcht zu dem, was um uns, in uns und über uns ist, sollte lebendig werden. Das bedeutet für die Erziehung der Kinder, dass sie aus dem Herzen und nicht aus dem Intellekt heraus lernen müssen zu leben, dass Schule sich aus Enthusiasmus aufbaut, der den ganzen Menschen beseelt.

Erna Stahl stellte nicht nur pädagogische Thesen auf, sondern setzte sie auch praktisch um. Sie nahm ihre Arbeit als Schulleiterin in Form einer Feier auf. Eigentlich gab es nichts zu feiern, aber sie wollte den Neubeginn bewusst setzen und gestalten. Die Form bedeutete ihr viel. Im November 1945 hatte sie den Mut, eine Totengedenkfeier gemeinsam mit den Schülerinnen zu begehen, und im Dezember folgte eine Weihnachtsfeier mit Christgeburtspiel.

Erna Stahl wusste auch, wie wichtig Schulbücher und Lektüren sind, um die „leerstehenden Seelenwohnungen“ zu füllen. Dem allgemeinen Mangel daran begegnete sie mit einem eigenen Lesebuch. Zunächst erschien 1946 ein Weihnachtsband, aber 1947/48 gab sie dann ihre berühmte Sammlung „Im Kreislauf des Jahres“ heraus. Es handelte sich um eine Art Not-Lesebuch. Damit wollte sie – wie sie es ausdrückte – „die Zeit zwischen den Zeiten“ überbrücken. Trotz der großen leiblichen Not in der damaligen Situation, wollte sie den jungen Menschen Werte zeigen, die den höheren Sinn solcher Notzeiten erkennen lassen und Hoffnungskräfte entwickeln.[6]

Der jahreszeitliche Charakter des Buches liegt in der Natur und in der Natur der Sache selbst: Herbst, Winter, Frühling, Sommer – und die damit verbundenen Festekreise der Michaelis-, Weihnachts-, Oster-, Pfingst- und Johanniszeit. Die Herausgeberin war der Meinung, dass die Grunderlebnisse dieser Feste ewig Gültiges und Allgemeines aussagen. Dem Einwand, das Buch sei zu religiös konzipiert, begegnete sie mit der Feststellung, dass der alte religiöse Reichtum fast verloren gegangen war. Aber man darf den Kindern nicht eine Welt verschließen, deren Reichtum unerschöpflich ist.[7]

Im Jahre 1948 brachte Erna Stahl ein schmales Bändchen heraus, das mit dem Lesestoff aus dem „Kreislauf des Jahres“ nichts zu tun hatte. Es handelte sich um eine Aufsatzsammlung von Schülerinnen der Mädchenoberschule mit Arbeiten von Zwölf- bis Neunzehnjährigen. Zwei Themen hatte sie gestellt: „Der Blick zurück“ und „Schau in die Gegenwart“. Das Bändchen heißt: „Jugend im Schatten von gestern“.[8] In den Aufsätzen – erschütternd zu lesen – sollte die Jugend selber gehört werden. Wichtig war für Erna Stahl auch die Tatsache, dass die Verfasser ausschließlich Mädchen waren. In anderen Veröffentlichungen waren mit wenigen Ausnahmen bis dahin immer nur Jungen zu Wort gekommen. Aber auch die Mädchen würden Zukunftsträger sein mit den gleichen Aufgaben wie die Jungen. Für diese Jugend, Mädchen und Jungen, wollte Erna Stahl einerseits echtes Verständnis wecken, andererseits mahnen, nicht ausschließlich die physische Not zu lindern, sondern die weitaus größere Seelennot zu mildern und zu beheben.

Nach guter Lichtwark-Schultradition ließ sie das Goethejahr 1949 von den Schülerinnen ausgiebig und vielfältig durchleben. Jahresarbeiten mit verschiedenen Themen (zum Beispiel Reinecke Fuchs) erstellten die Schülerinnen hingebungsvoll. Inzwischen hatte Frau Stahl es auch geschafft, die Koedukation im Schuljahr 1948/49 vorsichtig einzuführen, die sie ebenfalls an der Lichtwarkschule kennen- und schätzen gelernt hatte. Stolz vermerkte sie, dass sie bereits im Schuljahr 1946/47 monatliche Wandertage und fünf Klassenreisen durchführen lassen konnte – trotz bedenklichster Schuhverhältnisse und schwierigster Ernährungslage.[9]

Aus dem Alltag herausführen, die leibliche Not überwinden, Seelennahrung bieten – das waren die erklärten Ziele von Erna Stahl und ihrem Kollegium. Die Neigung der Schüler zu außerschulischen Unternehmungen (Oberstufenabende, Besuch von Kunstausstellungen) nahm zu.

Immer wieder wurde der Ruf nach der Fortsetzung der Lichtwarkschule laut. War nicht schon vieles übernommen worden? Erna Stahl schwebte aber ein anderer Schultyp vor: die Lichtwarkschule begann ja erst nach einer Auslese mit der fünften Klasse. Eine Neuauflage wollte sie nicht. Ihr „Schulversuch“ sollte von der ersten bis zur zehnten Klasse geführt werden und den darüber hinaus befähigten Schülern eigene Wege zum Abitur ermöglichen. Viele Impulse nahm Erna Stahl von der Waldorf-Pädagogik auf, sicher inspiriert durch ihre Kollegin und Freundin Frau Dr. Meyer-Froebe: Epochen-Unterricht und der alle Fächer durchziehende musische Ansatz, der frühfremdsprachliche Unterricht, das verbindliche Instrumentalspiel sowie das Klassenorchester, das künstlerisch-schöpferische Element, die Ausbildung von Kopf, Herz und Hand, das Eingebundensein in eine Gemeinschaft, das „Vermitteln höherer Welten“ – alles Merkmale, die auch in der Albert-Schweitzer-Schule bis auf den heutigen Tag zu finden sind.

Bereits 1946 reichte Erna Stahl einen solchen Plan bei der Behörde ein – ohne Erfolg. Auf der so genannten Kaffeekonferenz der Schule 1949, die durch großzügige Sendungen eines amerikanischen Colleges ermöglicht wurde, nahm der Plan immer mehr Gestalt an. Animiert durch den ungewohnten Kaffeegenuss begeisterten sich viele Kollegen dafür, einen Schulversuch mit den oben genannten Merkmalen aufzubauen. Überraschend erhielt die Schulleitung für das Schuljahr 1950/51 grünes Licht.

Zuvor galt es noch, Schwierigkeiten zu überwinden: Es mussten Klassenlehrerinnen für die beiden ersten „ersten Klassen“ gefunden werden. Frau Dr. Meyer-Froebe erhielt die Aufgabe, eine Waldorfschule in Rendsburg zu gründen und schied somit aus dem Staatsschulkollegium aus. Frau Ahlgrimm und Frau Lorch haben dann das „Abenteuer erste Klasse“ gewagt und es wohl nie bereut. Frau Ahlgrimm wurde die offizielle Leiterin der „Versuchsschule“. Sie, die Gymnasiallehrerin, hat viele Stunden und Nächte bei der erfahrenen Grundschullehrerin Frau Lorch verbracht, um sich mit der ungewohnten Altersstufe vertraut zu machen. Doch die Begeisterung für das Konzept des Schulversuchs trug über alle Schwierigkeiten hinweg.

Die im Einzugsgebiet wohnende Elternschaft wurde auf einem Elternabend informiert und auch gewarnt (7.2.1950). Ausführlich legte Erna Stahl dar, wie wichtig eine ganzheitliche Erziehung sei. Sie hatte auch den Mut, von dem religiösen Element als schöpferischem Impuls zu sprechen. Sie bedauerte, dass es seine allverbindende Gewalt verloren hatte. Das im goetheschen Sinn verstandene Kunsterlebnis sei dem religiösen Grunderlebnis nahe verwandt, setzte sie den Eltern auseinander. So bedeutet das „künstlerische Durchdringen“ für Kinder im Grundschulalter künstlerische Betätigung und Nachschöpfung. Die verfrühte Ausbildung des Intellekts und seine weitere einseitige Betonung waren mitschuldig an den Katastrophen der vergangenen Zeit, erklärte Erna Stahl den Eltern. Das neue Konzept richtete sich ausschließlich an Eltern, die sich von rein pädagogischen Gesichtspunkten leiten ließen. Fast alles könnte man heute den Schulanfänger-Eltern noch genauso sagen.
Am 27. April 1950 zogen die ersten beiden Klassen dann am Erdkampsweg ein, ein bewegendes Ereignis für die älteren Schüler und die Kollegen. Die Pädagogin Erna Stahl hatte ein wichtiges Ziel erreicht; dass er erfolgreich fortbestehen konnte, ist der liebevollen und warmherzigen Führung von Frau Ahlgrimm zu verdanken.

Bis zu ihrer Pensionierung 1965 hat Erna Stahl in zahlreichen Vorträgen an Schüler und Kollegium ihre Sachkompetenz, aber vor allen Dingen ihre Beseeltheit vom Lehrerberuf unter Beweis gestellt. Nicht alle Kollegen konnten oder wollten diese Sicht mit ihr teilen. So fühlte sie sich am Ende ihrer Dienstzeit verpflichtet, dem Kollegium Grundlagenberichte zu hinterlassen. Sie verfasste auch ein fiktives Gespräch mit einem interessierten, kritischen neuen Kollegen, in dem sie sämtliche entscheidenden Merkmale ihrer Schule diskutierte.

Um die Fortführung der ihr so wichtigen pädagogischen Klassenreisen sicherzustellen, veranstaltete sie mit freiwilligen Kollegen eine exemplarische Klassenreise nach Wien. Sie zeigte sich auch hier als ein Mensch, der mit allen Sinnen lebte und alle Sinne im anderen anzusprechen vermochte. Eine Sammlung hält später alle Eindrücke und Erfahrungen fest.

Unzählig sind die vielen anspruchsvollen Reden, die Erna Stahl – im Kreislauf des Jahres – gehalten hat, im Rahmen von Schulfeiern, denen nie der musikalische Glanz oder eine begleitende Kunstausstellung fehlte. Die Gedenkfeiern im Shakespeare-Jahr rissen nicht ab. Jahrmärkte, rauschende Faschingsfeste in sämtlichen Räumen setzten Höhepunkte im Schulleben, Höhepunkte, die sorgfältig geplant waren. Aber wie glücklich konnte sie sich auch schätzen, dass sie Musik-, Kunst- und Bewegungserzieher um sich hatte, die sich anstecken ließen von der Begeisterung, die sie in sich trug. Kantaten schreiben, Kulissen schaffen, Wandfriese gestalten, Ausstellungen aufbauen, Tänze einstudieren – das waren Herausforderungen, die von vielen Kollegen angenommen wurden.

Und dennoch musste Erna Stahl bei ihrer Pensionierung resignierend feststellen, dass es ihr nicht gelungen war, das Albert-Schweitzer-Gymnasium und den Schulversuch innerlich zu vereinen. Letzterem hat sie anlässlich des 25jährigen Bestehens als „Albert-Schweitzer-Schule, Gesamtschule besonderer pädagogischer Prägung“ 1975, fünf Jahre vor ihrem Tod, eine Art Vermächtnis mit auf den Weg gegeben: „Es ist die immerwährende Aufgabe dieser Schule und ihrer Lehrer, möchte es ihr gelingen im Hinblick auf die Kinder, unbeirrt ihren Weg weiter zu finden – zwischen Freiheit und Notwendigkeit.“[10]

Von Hanne Sengbusch

Übrigens – Erna Stahl war auch Deutschlehrerin von Helmut Schmidt, unserem Alt-Bundeskanzler.

Und schauen Sie doch einmal nach, was in der Stanford University über Erna Stahl geschrieben wird.